Bild Leasing Definition

Leasingdefinition Teil 2

Nachdem wir uns im letzten Artikel mit dem ersten Kriterium der Leasingdefinition „identifizierbarer Vermögenswert“ beschäftigt haben, wollen wir uns nun dem zweiten Kriterium  – der Kontrolle über den identifizierbaren Vermögenswert – widmen. Damit ein Leasingverhältnis vorliegt, reicht das Vorliegen eines identifizierbaren Vermögenswerts allein nicht aus. Zusätzlich muss

dem Kunden durch den Vertrag die Kontrolle über die Nutzung des identifizierbaren Vermögenswerts übertragen werden.

Überträgt ein Vertrag dem Leistungsnehmer nicht die Kontrolle über die Nutzung des Vermögenswerts, so liegt kein Leasingverhältnis vor. Im Oktober 2015 hat das IASB entschieden, die Leasingdefinition noch stärker auf die Kontrolle über die Nutzung des Vermögenswerts abzustellen, um insbesondere eine bessere Abgrenzung zu Dienstleistungsverträgen zu erreichen. Diese Regelung basiert auf der grundlegenden Annahme, dass bei einem Dienstleistungsverhältnis die Kontrolle über den Vermögenswert beim Leistungsgeber verbleibt, da dieser entscheidet, auf welche Weise und mit welchem Vermögenswert er seinen Vertragsverpflichtungen nachkommt, wohingegen bei einem Leasingverhältnis diese Entscheidungen und somit die Kontrolle auf den Kunden (den Leasingnehmer) übertragen werden. Folglich wird die Kontrolle zukünftig das ausschlaggebende Kriterium der Leasingdefinition zur Identifizierung von Leasingverhältnissen sein. Doch wie wird Kontrolle im Zusammenhang mit Leasing definiert und woran ist erkennbar, ob sie durch einen Vertrag übertragen wird?

2. Kriterium der Leasingdefinition: Kontrolle über die Nutzung des identifizierbaren Vermögenswerts

Aus Sicht des IASB liegt dann Kontrolle vor, wenn der Kunde (der Leasingnehmer)

das Recht hat, im Wesentlichen alle wirtschaftlichen Vorteile aus der Nutzung des identifizierbaren Vermögenswerts zu vereinnahmen (right to obtain substantially all economic benefits)

und darüber hinaus

das Recht hat, über die Nutzung während der Vertragslaufzeit zu entscheiden (direct the use).

Kontrolle i.S.d. IASB liegt folglich vor, wenn dem Kunden sowohl die Entscheidungsmacht über den identifizierbaren Vermögenswert sowie die Vorteile aus der Nutzung zustehen. Was bedeutet das Kriterium der Kontrolle nun für die Umsetzung der Leasingdefinition und wie sind die beiden Bestandteile von Kontrolle zu interpretieren?

Kontrolle Teil 1 – Recht im Wesentlichen alle wirtschaftlichen Vorteile aus der Nutzung zu vereinnahmen

Zunächst müssen sich Unternehmen festlegen, wie sie „im Wesentlichen alle“ definieren möchten. Wählt ein Unternehmen beispielsweise einen Grenzwert von 85%, so müssen ihm mindestens 85% der aus der Nutzung des Vermögenswerts erzielten Rückflüsse zustehen, damit ein Leasingverhältnis vorliegt. Man stelle sich einen Vertrag vor, bei dem ein Kunde A eine Verkaufsfläche von Anbieter B gegen eine monatliche Zahlung anmietet, um auf dieser Verkaufsfläche sein Produkt zu verkaufen. Der Vertrag sieht des weiteren vor, dass A monatlich 10% seines Umsatzes an B abgeben muss. In diesem Fall ist davon auszugehen, dass der Leistungsnehmer A im Wesentlichen alle wirtschaftlichen Vorteile aus der Nutzung der Verkaufsfläche vereinnahmt, nämlich 90% der gesamten Umsätze. Hier wäre somit das erste (Teil-)Kriterium zum Vorliegen von Kontrolle erfüllt. Letztendlich ist jedes Unternehmen verpflichtet, einen angemessenen Grenzwert für sich zu definieren.

Als nächstes sollten sich Unternehmen entscheiden, auf welche wirtschaftlichen Vorteile sie ihre Beurteilung stützen wollen. In dem vorherigen Beispiel dienten die generierten Umsätze als Entscheidungsgrundlage. Die zu betrachtenden wirtschaftliche Vorteile sind allerdings nicht nur auf monetäre Rückflüsse begrenzt, sondern umfassen den gesamten primären Output sowie sämtliche Nebenprodukte, die einem Unternehmen direkt oder indirekt durch die Nutzung zugehen (bspw. Weitervermietung, Erhalt eines Wettbewerbsvorteils, Marketingzwecke). Grundsätzlich sind für die Beurteilung der Erfüllung der Leasingdefinition lediglich solche wirtschaftlichen Vorteile zu berücksichtigen, die während der Vertragslaufzeit und innerhalb des vereinbarten Vertragsrahmens entstehen. Hat bspw. ein Kunde das Recht, mit einer angemieteten Maschine Produkte herzustellen, darf aber diese Maschine gemäß den Vertragsbedingungen unter keinen Umständen untervermieten oder Dritten zur Nutzung bereit stellen, so darf zur Beurteilung des Vorliegens von Kontrolle i.S.d. Leasingdefinition der potenzielle Vorteil aus einer Untervermietung nicht herangezogen werden, sondern lediglich solche Vorteile, die sich direkt oder indirekt aus der Produktion mit der Maschine ergeben. Auch hindert die Tatsache, dass ein Kunde einen gewissen Anteil seiner realisierten Cash-Flows an den Anbieter abgeben muss, nicht daran im Wesentlichen den gesamten wirtschaftlichen Vorteil aus der Nutzung zu erlangen. Der abzuführende Umsatz ist vielmehr zu den gesamten wirtschaftlichen Vorteilen hinzuzuzählen, auf deren Grundlage die Entscheidung von „im Wesentlichen alle“ getroffen wird (Brutto-Betrachtung).

An dieser Stelle ist natürlich fraglich, wie ein Vertrag zu würdigen ist, der eine Umsatzbeteiligung von bspw. 90% für den Anbieter vorsieht. Vereinnahmt hier immer noch der Kunde im Wesentlichen den gesamten wirtschaftlichen Vorteil aus der Nutzung oder doch eher der Anbieter, dem der Hauptteil der Cashflows zufließt? Leider gibt das IASB an dieser Stelle keinen konkreten Grenzwert vor, sodass davon auszugehen ist, dass sich hier analog zu IAS 17 mit der Zeit feste Grenzwerte etablieren werden.

Bezugnehmend auf mein Beispiel der Vermietung dedizierter und virtueller Server aus Teil 1 dieser Beitragsreihe prüfen wir nun für Szenario A (den dedizierten Server) Teil 1 des Kontrollkriteriums, um festzustellen, ob der dedizierte Server womöglich ein Leasingverhältnis begründet. Zur Erinnerung: beim virtuellen Server haben wir bereits anhand des 1. Kriteriums der Leasingdefinition festgestellt, dass es sich um kein Leasingverhältnis handelt.

Leasingdefinition Kriterium 2 –
Kontrolle Teil 1
Szenario A:

Dienstleister S ist spezialisiert auf die Vermietung von Servern und besitzt mehrere tausend Server, deren Speicherkapazitäten es an Unternehmen vermietet. Firma U geht einen Vertrag mit Dienstleister S ein, um eine festgelegte Speicherkapazität über eine Laufzeit von 5 Jahren zu nutzen. Um den Vertrag zu erfüllen, weist Dienstleister S Firma U 50 Server zu, welche die notwendige Speicherkapazität aufweisen. Diese 50 Server sind dediziert, werden also während der Vertragslaufzeit ausschließlich von Firma U genutzt und sie allein hat Zugang zu den Servern.

Analyse:

Zunächst sind die wirtschaftlichen Vorteile aus diesem Vertrag abzugrenzen, auf deren Grundlage das „im Wesentlichen alle“ Kriterium geprüft wird. Da der Vertrag die Nutzung von 50 Servern über 5 Jahre vorsieht, müssen hier lediglich die wirtschaftlichen Vorteile, die direkt oder indirekt aus der Nutzung innerhalb dieser 5 Jahre resultieren, für die Analyse herangezogen werden. Dies können beispielsweise sein:

– Einnahmen aus einer Untervermietung (sofern vertraglich zulässig)
– Finanzielle Rückflüsse aus dem Betrieb eines werbefinanzierten Internetauftritts
– Kosteneinsparung durch Automatisierung von Geschäftsprozessen (ERP-Software)

Der Vertrag zwischen U und S sieht nicht vor, dass S weitere Entgelte oder positive Zuflüsse zustehen, die aus der Nutzung der Server durch U entstehen.

Ergebnis:

Weil S gemäß Vertrag keinen Anspruch auf wirtschaftliche Vorteile hat, die U durch die Nutzung der 50 dedizierten Server erzielt, liegen sämtliche wirtschaftliche Vorteile, die aus der Nutzung der dedizierten Server entstehen, bei U. Folglich ist der erste Teil des zweiten Definitionskriteriums erfüllt. Damit Kontrolle i.S.d. Leasingdefinition vorliegt, muss zusätzlich Entscheidungsmacht vorliegen.

Im folgenden Artikel dieser Reihe beschäftigen wir uns mit dem zweiten Teil des Kontrollkriteriums – der Entscheidungsmacht – und werden abschließend herausfinden, ob es sich bei den dedizierten Servern tatsächlich um ein Leasingverhältnis handelt.

Veröffentlicht von

Franziska Fey

Ich bin Beraterin mit Leidenschaft für IFRS Bilanzierung, insbesondere Lease und Revenue Accounting. In meiner Masterarbeit habe ich die Entscheidungen rund um den bevorstehenden, neuen IFRS Leasing Standard analysiert und Auswirkungen auf Unternehmen und ihre KPIs untersucht. Auf meinem Blog veröffentliche ich Artikel über fachliche Themen rund um Leasing, die eine Praxisrelevanz haben und mich beschäftigen.